Von KWS, Business, Finanzen, 41 Views
Entnahmeraten: Warum Flexibilität den Satz erhöht
Eine Entnahmeregel, die sich nie ändert, muss den ungünstigsten historischen Verlauf überstehen, dem sie begegnen könnte. Das ist ihre gesamte Konstruktionsvorgabe, und es erklärt, warum feste Entnahmesätze dort liegen, wo sie liegen.
Der Preis dieser Konstruktion fällt in allen Szenarien an, die nicht der ungünstigste Fall sind, also in den meisten. Wer über 30 gute Jahre hinweg eine starre inflationsindexierte Entnahme beibehält, hinterlässt am Ende typischerweise ein deutlich größeres Vermögen als zu Beginn, nachdem er jahrzehntelang weniger ausgegeben hat als möglich gewesen wäre.
Dynamische Ansätze setzen genau hier an. Wenn die Entnahme reagieren darf, muss der Startwert nicht mehr den schlimmsten Fall unterstellen.
Was flexible Entnahme im Kern verändert
Wer finanzielle Unabhängigkeit anstrebt, rechnet meist mit einem Zielvermögen, das sich aus einem festen Prozentsatz der jährlichen Ausgaben ergibt.
In dieser Rechnung steckt eine Annahme, die selten geprüft wird: dass die Ausgaben über den gesamten Zeitraum vollständig unflexibel sind. Für jeden Haushalt mit einem nennenswerten Anteil verzichtbarer Ausgaben ist das strenger als die Realität.
Konkret lassen sich Ausgaben in 3 Kategorien einteilen …
Fixkosten, die kurzfristig nicht veränderbar sind, etwa Wohnen und Versicherungen
Notwendige, aber variable Ausgaben, bei denen Spielraum in der Höhe besteht
Verzichtbare Ausgaben, die sich in einem schwachen Jahr verschieben lassen
Erst das Verhältnis dieser drei Blöcke entscheidet, wie viel Flexibilität überhaupt zur Verfügung steht.
Das Risiko, das den Satz begrenzt
Renditereihenfolgerisiko
Der Grund für die Vorsicht bei festen Sätzen ist kein Durchschnittsproblem, sondern ein Reihenfolgeproblem.
Eine Darstellung dazu hält fest, dass in einer Untersuchung sichere Entnahmeraten für verschiedene Portfolios aus Aktien und Staatsanleihen bestimmt wurden, dargestellt in Abhängigkeit von durchschnittlicher Portfoliorendite und Volatilität, jeweils für eine Rentendauer von 30 Jahren bei einer Ausfallrate von 10 Prozent, und dass es bei der Entwicklung einer Entnahmestrategie zu einem großen Teil darum gehe, dieses Risiko in den Griff zu bekommen.
Warum die ersten Jahre zählen
Die Mechanik ist einfach und unangenehm. Wer zu Beginn der Entnahmephase bei fallenden Kursen Anteile verkauft, entzieht dem Depot Stücke dauerhaft. Diese Anteile fehlen bei der späteren Erholung, unabhängig davon, wie gut die Folgejahre ausfallen.
Zwei Depots mit identischer Durchschnittsrendite über dreißig Jahre können deshalb völlig unterschiedlich enden, je nachdem, wann die schwachen Jahre auftraten.
In der Ansparphase spielt diese Reihenfolge kaum eine Rolle, weil laufende Einzahlungen in schwachen Phasen sogar zusätzliche Anteile bringen. Mit der ersten Entnahme kehrt sich dieser Effekt um. Genau deshalb ist der Übergang von der Ansparphase in die Entnahmephase der Punkt, an dem eine Strategie überprüft gehört.
Die deutsche Anpassung
Steuern in der Rechnung
Die bekannten Entnahmestudien stammen aus den USA und rechnen ohne deutsche Besteuerung.
Eine deutsche Einordnung weist darauf hin, dass die Vier-Prozent-Regel aus der Trinity-Studie stammt, für 30 Jahre Entnahmedauer gilt und nicht für einen 50-jährigen Horizont, und dass für Deutschland die Steuern abzuziehen sind.
Für die Praxis heißt das: Die Bruttoentnahme und der verfügbare Betrag fallen auseinander, und zwar dauerhaft. Wer mit einer Nettozielgröße plant, muss die Steuerlast in die Entnahme einrechnen statt in die Rendite.
Hinzu kommt der Zeithorizont. Die klassischen Studien rechnen mit dreißig Jahren. Wer deutlich früher aufhört zu arbeiten, plant für vierzig oder fünfzig Jahre, und für diese Dauer sind die Ergebnisse der Studien nicht ohne Weiteres übertragbar.
Was Flexibilität konkret bringt
Dieselbe Darstellung beschreibt das Leitplankenmodell, bei dem ein Startsatz festgelegt und die Entnahme um einen bestimmten Prozentsatz gekürzt wird, sobald die aktuelle Entnahmequote eine Schwelle überschreitet, während sie in guten Phasen erhöht werden darf. Schon moderate Flexibilität wirke dabei stark: Wer in schwachen Jahren zehn bis fünfzehn Prozent weniger ausgeben könne, dürfe im Schnitt spürbar höher entnehmen als mit einer starren Regel.
Das ist der eigentliche Zusammenhang hinter der Überschrift. Nicht die Rendite steigt, sondern die Anforderung an den Sicherheitspuffer sinkt.
Bausteine einer flexiblen Regel
Startsatz festlegen, unter Berücksichtigung von Horizont und Steuerlast
Schwellen definieren, ab denen nach oben oder unten angepasst wird
Anpassungshöhe vorab bestimmen, statt sie im Einzelfall zu entscheiden
Cash-Puffer über 2 bis 3 Jahresausgaben, um Verkäufe in schwachen Phasen zu vermeiden
Ausgaben tatsächlich erfassen, mindestens zwölf Monate, statt sie zu schätzen
Der letzte Punkt trägt die gesamte Konstruktion. Wer nicht weiß, welcher Anteil der eigenen Ausgaben verzichtbar ist, kann auch nicht beurteilen, wie viel Flexibilität realistisch zur Verfügung steht.
Was Flexibilität kostet
Jede Anpassung nach unten trifft zu einem ungünstigen Zeitpunkt, nämlich nach einem Kursrückgang. Das ist keine Nebenwirkung, sondern die Funktionsweise.
Ein höherer Startsatz wird also mit schwankendem Budget erkauft, und die Regel funktioniert nur, wenn sie im Ernstfall auch befolgt wird. Ein Modell, das eine Kürzung um zehn Prozent vorsieht, und ein Haushalt, dessen Ausgaben zu 90 Prozent aus Fixkosten bestehen, passen nicht zusammen.
Welche Variante geeignet ist, entscheidet damit weniger die Simulation als die Zusammensetzung der eigenen Ausgaben.
