Von KWS, Kunst und Kultur, Kommentare, 6.292 Views
#NOW #Kommentar: »Urban Stack« Gütersloh – wofür sollen wir eigentlich abstimmen?
#Gütersloh, 15. August 2026
»Fleißig für Gütersloh klicken!« fordert die #Stadtverwaltung die #Bürger auf. Das Smart City Projekt »Urban Stack« ist für einen weiteren Preis nominiert, diesmal für den »Community Award« beim »Open Source Wettbewerb«. Gewinnen soll das Projekt mit den meisten Stimmen.
Das kann man machen. Man könnte den Bürgern vorher allerdings erklären, wofür sie eigentlich stimmen sollen.
Denn wer sich auf den Internetseiten des »Urban Stack« auf die Suche nach einer Antwort macht, landet schnell in einer Welt aus »Data Hub«, »Gov Hub«, »Citizen Hub«, »#Kubernetes«, »#Kafka«, »#Keycloak«, »#PostgreSQL«, »#ClickHouse«, »#Ceph«, »#Superset«, »#JupyterHub«, »#Grafana«, »#Prometheus«, »#Docker« und zahlreichen weiteren Open Source Komponenten.
Für Fachleute mag das interessant sein. Für die Frage, warum ein Gütersloher Bürger begeistert auf einen Abstimmungsbutton drücken sollte, hilft es nur bedingt.
Das erinnert ein wenig an den Aufruf: »Stimmen Sie für Gütersloh – wir haben jetzt überall #Schuko Steckdosen installiert!« Das ist zweifellos praktisch. Entscheidend ist aber doch, was man daran anschließt.
Eine Plattform für alles
Der Anspruch des »Urban Stack« ist nicht gerade bescheiden. Auf der Projektseite heißt es: »Ein Stack für alle Anwendungsfälle. Ein Stack für alle Daten. Ein Stack für alle Menschen.«
Eine gemeinsame technische Grundlage soll unterschiedliche kommunale Daten aufnehmen, analysieren, visualisieren und für Anwendungen bereitstellen. Andere Kommunen sollen das System ebenfalls nutzen können. Im Vortrag zum Projekt ist von Software as a Service und gemeinschaftlich genutzter Infrastruktur die Rede. Die Daten unterschiedlicher Kommunen sollen dabei auf einheitliche Formate gebracht werden.
Gerade Letzteres klingt sinnvoll. Denn eine der großen Herausforderungen der #Digitalisierung besteht tatsächlich darin, dass unterschiedliche Systeme dieselbe Sprache sprechen müssen.
Nur stellt sich dann die Frage, ob dafür zwingend eine gemeinsame Plattform notwendig ist.
Vielleicht wäre der wichtigere Schritt zunächst eine verbindliche offene #Datenarchitektur und #Schnittstellenarchitektur: gemeinsame #Datenmodelle, dokumentierte #APIs und #Standards, die unterschiedliche Anbieter und kommunale Systeme implementieren können.
Nicht alle müssen denselben Computer benutzen. Die Computer müssen miteinander reden können.
Eine zentral betriebene Infrastruktur schafft zwar #Skaleneffekte, konzentriert aber gleichzeitig #Abhängigkeiten. Was passiert bei einem größeren Ausfall? Wie unabhängig können einzelne Kommunen weiterarbeiten? Wie sieht die Exitstrategie aus? Kann eine Kommune »Urban Stack« bei einem anderen Betreiber oder selbst betreiben? Und wer gewährleistet langfristig Wartung und Sicherheit des beträchtlichen Verbunds verschiedener Open Source Komponenten?
Open Source allein beantwortet diese Fragen nicht.
Wer hat »Urban Stack« eigentlich entwickelt?
Auch die immer wieder verwendete Formulierung, die Stadt Gütersloh habe den »Urban« Stack »entwickelt«, verdient eine genauere Betrachtung.
Auf der eigenen Projektseite werden externe Technologiepartner genannt. Dazu gehören unter anderem #Softwaredienstleister und #Plattformdienstleister. Die Stadt selbst dokumentiert außerdem, dass 2024 eine Ausschreibung zur Umsetzung der produktiven »Urban Data Platform« erfolgte und anschließend die Realisierung begann.
Was also wurde innerhalb der Stadtverwaltung entwickelt – und was von externen Unternehmen?
Hat die Stadt das Konzept und die Anforderungen entwickelt? Die Architektur? Eigene Software? Schnittstellen? Benutzeroberflächen? Wer hat die technische Implementierung vorgenommen? Wer betreibt und wartet das System? Welche Unternehmen erhielten welche Aufträge und in welcher Höhe?
Das sind keine nebensächlichen Fragen. Sie sind wesentlich, wenn ein öffentlich finanziertes Projekt als kommunale Eigenentwicklung präsentiert und inzwischen mehrfach ausgezeichnet wird.
Und was wurde aus #Arvato?
Interessant ist auch ein Blick in die eigene Projekthistorie.
Bereits 2022 wurde nach Angaben der Stadt auf Basis einer #Microsoft »#Azure« Subscription gemeinsam mit Arvato Systems eine cloudbasierte »Urban Data Platform« aufgebaut, getestet und erprobt.
Offenbar entschied man sich anschließend für einen anderen Weg.
Das kann sehr gute Gründe haben. Gerade der Wunsch nach Open Source, offenen Standards und geringerer Abhängigkeit von einzelnen großen Technologieanbietern ist nachvollziehbar.
Aber welche Erkenntnisse brachte der Versuch mit Arvato? Warum wurde dieser Ansatz nicht weiterverfolgt? Welche Anforderungen erfüllte er nicht? Und warum löst der heutige »Urban Stack« diese Probleme besser?
Gerade in Gütersloh ist die Frage nicht ganz abwegig, warum vorhandene Kompetenz eines großen örtlichen IT Dienstleisters zunächst genutzt und anschließend offenbar durch eine andere Konstruktion ersetzt wurde.
Die Idee ist keineswegs einzigartig
Noch grundsätzlicher wird die Frage, wenn man über Gütersloh hinausschaut.
Urbane Datenplattformen auf Open Source Basis gibt es längst an zahlreichen Stellen. In #Paderborn wird beispielsweise gemeinsam mit weiteren Kommunen und Energieversorgern »CIVITAS/CORE« entwickelt – eine offene #Kernsoftware für urbane Datenplattformen, die ausdrücklich von anderen Kommunen nachgenutzt und von unterschiedlichen Betreibern betrieben werden kann.
Andere Plattformen setzen ebenfalls auf offene Standards, standardisierte Datenmodelle und Open Source. Der Anbieter #DKSR gibt beispielsweise an, dass seine Plattform bereits von mehr als 70 Kommunen genutzt und weiterentwickelt wird.
Das wirft eine naheliegende Frage auf:
Warum braucht Deutschland noch einen »Urban Stack« aus Gütersloh?
Vielleicht gibt es darauf eine ausgezeichnete Antwort. Vielleicht löst »Urban Stack« ein Problem, das bestehende Plattformen tatsächlich nicht lösen. Vielleicht ist das Gütersloher Betriebsmodell und Kooperationsmodell der entscheidende Fortschritt.
Dann sollte genau das erklärt werden.
Denn es wäre eine gewisse Ironie, wenn deutsche Kommunen zunächst zu Recht den digitalen Flickenteppich beklagen – und anschließend mit Fördermitteln zahlreiche unterschiedliche offene Plattformen entwickeln, um diesen Flickenteppich zu beseitigen.
Am Ende hätten wir dann womöglich nur einen neuen Flickenteppich auf einer höheren technischen Ebene.
Noch reichlich Baustelle
Auch die öffentliche Präsentation des Projekts überzeugt bislang nicht uneingeschränkt. Die Website arbeitet mit großen Versprechen, zahlreichen Fachbegriffen und bunten Architekturzeichnungen. Gleichzeitig treten jedenfalls auf üblichen #Desktop #Darstellungen sichtbare #Layoutfehler auf: Texte und Seitenelemente überlagern sich teilweise und werden dadurch schlecht lesbar.
Das ist kein Beweis dafür, dass die darunterliegende Plattform schlecht programmiert wäre.
Für die Internetpräsentation eines mehrfach ausgezeichneten Digitalprojekts, das anderen Kommunen technische Kompetenz, Standardisierung und professionelle digitale Infrastruktur anbieten möchte, ist es dennoch kein besonders überzeugendes Aushängeschild.
Vor allem bleibt der konkrete Nutzen erstaunlich abstrakt.
Sensorgestützte Baumbewässerung, #Passantenfrequenzmessung, #Hochwasserschutz oder kommunale Wärmeplanung werden als Anwendungsfälle genannt. Interessanter wären konkrete Ergebnisse: Wo läuft welche Anwendung produktiv? Was hat sie verbessert? Welche Kosten wurden eingespart? Welche Entscheidungen konnten dadurch besser getroffen werden? Welche Kommune nutzt welchen Bestandteil bereits im Alltag?
Das wäre ein Grund abzustimmen.
Eine lange Liste verwendeter Open Source Komponenten ist es eher nicht.
Erst erklären, dann klicken
»Urban Stack« kann durchaus ein gutes Projekt sein. Die Idee gemeinsamer offener Standards, kommunaler Zusammenarbeit und wiederverwendbarer Software ist grundsätzlich vernünftig. Ebenso vernünftig ist der Versuch, Abhängigkeiten von proprietären Einzelanbietern zu reduzieren.
Aber ein öffentlich finanziertes #Digitalprojekt sollte sich nicht durch Preise und Abstimmungsaufrufe legitimieren müssen, sondern durch nachvollziehbare Ergebnisse.
Bevor die Stadt also ihre Bürger auffordert, »fleißig für Gütersloh« zu klicken, sollte sie einige einfache Fragen beantworten:
Was kann »Urban Stack« heute konkret? Wer hat ihn tatsächlich entwickelt? Was hat er gekostet? Wer betreibt ihn? Was kostet der dauerhafte Betrieb? Warum wurde der frühere Ansatz mit Arvato und Microsoft Azure verworfen? Was unterscheidet »Urban Stack« von den zahlreichen bereits vorhandenen offenen kommunalen Datenplattformen? Und welchen konkreten Vorteil haben Gütersloh und seine Bürger davon?
Wenn die Antworten überzeugen, braucht es wahrscheinlich gar nicht mehr viel #Lokalpatriotismus.
Dann kann man einfach für ein gutes Projekt stimmen.
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