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Die Unschärferelation des Mobbings

Von KWS, Sokrates Jetzt, Journal, 58 Views

Die Unschärferelation des Mobbings

  • Regen ist wissenschaftlich nicht nachweisbar.

#Gütersloh, 27. September 2026

Das #Ganze ist eindeutig. Nur seine #Einzelteile sind es nicht. Es gibt Dinge, die werden umso unklarer, je genauer man sie betrachtet.

In der #Quantenmechanik ist das – sehr vereinfacht gesagt – eine der berühmtesten Einsichten Werner Heisenbergs. Bestimmte Eigenschaften eines Teilchens lassen sich nicht gleichzeitig beliebig genau bestimmen. Je genauer die eine Größe bekannt ist, desto unschärfer wird die andere.

Natürlich ist eine menschliche Gesellschaft kein Quantensystem. Und #Mobbing ist keine #Quantenmechanik.

Aber es gibt eine verblüffende strukturelle Ähnlichkeit.

Man könnte von einer »Unschärferelation des Mobbings« sprechen

Je deutlicher das Muster in der Gesamtschau hervortritt, desto schwieriger wird es, es am einzelnen Vorgang eindeutig festzumachen. Je genauer man dagegen den einzelnen Vorgang untersucht, desto mehr verliert sich das Muster in alternativen Erklärungen, Zufällen und Details.

Das klingt zunächst paradox. Schließlich sollte eine genauere Untersuchung eigentlich zu größerer Gewissheit führen.

Bei sozialen Phänomenen wie Mobbing, #Ausgrenzung oder #Ostrakismus kann jedoch das Gegenteil geschehen.

Der einzelne Vorfall ist fast immer harmlos

Eine E Mail bleibt unbeantwortet. Kann passieren. Jemand wird zu einer Veranstaltung nicht eingeladen. Vielleicht ein Versehen. Ein Auftrag geht plötzlich an jemand anderen. Dafür kann es wirtschaftliche Gründe geben. Eine Information erreicht einen bestimmten Empfänger nicht. Der Verteiler war womöglich nicht aktuell. Jemand grüßt nicht mehr. Ein langjähriger Kontakt meldet sich plötzlich nicht mehr. Eine Anfrage versandet. Ein Gespräch wird abgelehnt. Eine Zusammenarbeit endet ohne erkennbare Begründung.

Für nahezu jedes einzelne Ereignis gibt es eine plausible alternative Erklärung. Und genau darin liegt das Problem. Denn Mobbing und insbesondere Ostrakismus – also soziale Ausgrenzung durch Ignorieren, Ausschließen und Nichtbeachten – bestehen häufig gar nicht aus spektakulären Einzelhandlungen. Es gibt möglicherweise keine Beleidigung. Keine Drohung. Keine schriftliche Anweisung: »Mit diesem Menschen reden wir nicht mehr.« Vielleicht gibt es überhaupt nichts, das man als einzelnes Dokument auf den Tisch legen und triumphierend sagen könnte: Da ist der Beweis.

Stattdessen gibt es hundert kleine Nicht Ereignisse.

Keine Antwort.  
Keine Einladung.  
Keine Erwähnung.  
Keine Information.  
Keinen Auftrag.  
Keinen Rückruf.

Und jedes einzelne davon ist vollkommen erklärbar.

Hundert Zufälle ergeben irgendwann ein Muster

Hier beginnt die Unschärfe. Betrachtet man einen einzigen Vorgang, ist fast nichts zu erkennen. Betrachtet man hundert Vorgänge gleichzeitig, kann plötzlich etwas sichtbar werden. A + B + C + D + E + F ergeben ein Muster. Nun untersucht man A genauer. A könnte Zufall sein. Also weiter zu B. Für B gibt es eine plausible andere Erklärung. C lässt sich nicht mehr vollständig rekonstruieren. Bei D kann niemand beweisen, wer was wusste. E war formal vollkommen korrekt. Und bei F steht Aussage gegen Aussage. Am Ende lautet das Ergebnis: A? + B? + C? + D? + E? + F?

Nichts bewiesen.

Nur ist dabei etwas Merkwürdiges passiert: Die Untersuchung hat nicht unbedingt neue Erkenntnisse über das ursprüngliche Muster hervorgebracht. Sie hat das Muster zerlegt. Aus einem Phänomen wurden Einzelfälle. Und jeder Einzelfall besitzt seine eigene Unschärfe. Das Ganze ist eindeutig. Nur seine Einzelteile sind es nicht.

Natürlich steckt darin eine Gefahr. Menschen sind hervorragende #Mustererkennungsmaschinen. Manchmal sogar zu gute. Wir entdecken Zusammenhänge, wo lediglich Zufälle existieren. Wer überzeugt davon ist, ausgegrenzt zu werden, kann irgendwann jedes ausgebliebene Telefonat als weiteren Beweis interpretieren. Deshalb ist die Prüfung des Einzelfalls unverzichtbar.

Doch das andere Extrem ist ebenso problematisch: Ein Phänomen, das definitionsgemäß aus einer Vielzahl kleiner Ereignisse besteht, ausschließlich anhand jedes isolierten Einzelereignisses beurteilen zu wollen. Denn damit verschwindet gerade die Information, die untersucht werden soll: die Häufung. Ein #Regentropfen beweist keinen Regen. Auch der zweite nicht. Und selbstverständlich lässt sich für jeden einzelnen Tropfen feststellen, dass Wasser gelegentlich irgendwo herunterfällt.

Trotzdem wird man irgendwann nass.

Kleiner Exkurs über Regen

Wie viele #Regentropfen beweisen eigentlich, dass es #regnet? 1 sicher nicht. 10 auch nicht. 100? Vielleicht steht irgendwo ein #Rasensprenger. Und selbst Regentropfen Nummer 10.000 beweist, isoliert betrachtet, zunächst nur eines: dass da ein Tropfen Wasser heruntergefallen ist. Der Regen steckt nämlich nicht im einzelnen Tropfen. Er steckt im Muster ihres Auftretens. Niemand käme auf die Idee, einen #Wolkenbruch zu untersuchen, indem er jeden Tropfen einzeln vor Gericht lädt und anschließend feststellt, keinem von ihnen könne zweifelsfrei nachgewiesen werden, Bestandteil eines Regenschauers gewesen zu sein. Irgendwann schaut man aus dem Fenster, betrachtet das Gesamtgeschehen und stellt fest: Es regnet. Wer dagegen für jeden einzelnen Tropfen nur lange genug nach einer alternativen Erklärung sucht, kann irgendwann zu dem bemerkenswerten Ergebnis gelangen, dass Regen wissenschaftlich nicht nachweisbar ist. Während er klatschnass im Vorgarten steht.

Die Macht des Nichtstuns

Beim Ostrakismus wird dieses Problem besonders deutlich. Eine Handlung hinterlässt Spuren. Eine Beleidigung kann gehört werden. Eine Kündigung wird geschrieben. Eine Tür wird zugeschlagen. Aber wie dokumentiert man etwas, das nicht stattgefunden hat? Wie beweist man die Bedeutung einer Einladung, die nie verschickt wurde? Einer Antwort, die nie kam? Eines Gesprächs, das nie geführt wurde? Einer Information, die alle erhielten – außer einem selbst? Ein einzelnes Schweigen bedeutet nichts. Zehnmaliges Schweigen ist auffällig. Hundertfaches Schweigen innerhalb desselben sozialen Systems kann eine Botschaft sein, obwohl niemand sie jemals ausgesprochen hat.

Und sobald man Fall Nummer 73 untersucht, lautet die vollkommen plausible Erklärung wieder: »Vielleicht ist die Mail untergegangen.« Vielleicht ist sie das tatsächlich. Das ist die #Unschärferelation.

Zwei verschiedene Wahrheiten

Mit zunehmender Auflösung des Einzelfalls nimmt die Erkennbarkeit des Musters ab. Mit zunehmender Erkennbarkeit des Musters nimmt dagegen die eindeutige Zurechenbarkeit des einzelnen Ereignisses ab. Beides kann gleichzeitig wahr sein. Das ist keine Quantenmechanik. #Heisenberg möge die #Metapher verzeihen.

Aber es beschreibt ein fundamentales Problem unserer Wahrnehmung sozialer Systeme: Der Maßstab der Betrachtung verändert, was wir erkennen können. Wer nur das Ganze betrachtet, läuft Gefahr, aus Zufällen Absicht zu konstruieren. Wer nur die Einzelteile betrachtet, läuft Gefahr, ein tatsächlich vorhandenes Muster systematisch unsichtbar zu machen. Die vernünftige Betrachtung muss deshalb zwischen beiden Ebenen wechseln.

Herauszoomen.

Hineinzoomen.

Wieder herauszoomen.

Und dabei eine Möglichkeit aushalten, die unserem Bedürfnis nach eindeutigen Antworten überhaupt nicht gefällt: Manchmal kann das Ganze sehr deutlich sein, obwohl kein einziges seiner Einzelteile für sich genommen eindeutig ist.

#NOW #N #KWS #ROSA #OWL #GT #GGC #GOGREENCHALLENGE #VISITGÜTERSLOH #VISITGT #NIEWIEDERISTJETZT #MARIECHENMARKT